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Vorwort
des Kataloges von Wolfgang Gabler
In
der Zeit des Verrats
Sind die Landschaften schön.
Heiner
Müller, 1958
Geschichte findet in Landschaften statt
oder gar nicht – Landschaften sind historisch oder gar
nicht. Wenn man Geschichte als die Seele einer Landschaft
begreifen kann, dann ist die Landschaft Leib dieser Seele. Und
wenn Landschaften nur schön sind, stimmt etwas nicht. Dann
ist der Betrachter blind für die in die Landschaft
eingebetteten Toten – oder er stellt sich blind. Verrat ist
es in beiden Fällen, und der Verrat nur macht Landschaften
schön.
Dass Geschichte und Landschaft eine
notwendige Beziehung bilden, ist gegenwärtig besonders
intensiv erfahrbar, da Umbrüche sich ereignen, da neue
Verbindungen und neue Grenzen entstehen, da neue Einheiten,
aber auch neue Trennungen zu verarbeiten sind. Hierdurch
gerät das Verhältnis von Geschichte und Landschaft in
Bewegung.
Das Projekt „GESCHICHTE in LANDSCHAFTEN“
belegt die wachsende Zusammenarbeit des Deutsch-Russischen
Hauses in Kaliningrad, des NEUEN KUNSTHAUSES AHRENSHOOP und
des Künstlerhauses LUKAS der StiftungKulturfonds
in Ahrenshoop. Es waren Texte von Johannes Bobrowski, die 2001
erstmals über die gemeinsame Geschichte hinaus eine neue
kulturelle Verbindung zwischen Ahrenshoop, Ołsztyn,
Klaipeda und Kaliningrad entstehen ließen. Aber es war
Kaliningrad alias Königsberg, das vor genau 60 Jahren im
britischen und US-amerikanischen Feuerhagel versank und als
Ort gewordener Versuch gilt, Geschichte auszuradieren, das nun
diese Spuren am intensivsten wieder aufnimmt. Die
Sowjetregierung hatte nach 1945 fast alle historischen Spuren
verwischt, doch die Identitätsbedürfnisse einer zwangsweise
enthistorisierten Region wachsen besonders in den
gesellschaftlichen Brüchen.
KünstlerInnen aus Russland und
Deutschland zeigen ihre ästhetischen Erfahrungen mit
Geschichte in Landschaften, die wegen ihrer geografische Lage
und ihrer gesellschaftspolitischen Wandlungen als Baltische
Landschaften ähnlich sind. Der gegenwärtige Exklaven-Status
des Kaliningrader Gebietes markiert besonders gravierende
Differenzen. Die Bewohner der einerseits eingeklemmten, aber
auch aussichtsreichen Freihandelszone leben unter schwierigen
sozialökonomischen Bedingungen, denn zu viel versinkt noch in
Korruption und Überadministration. Doch Kaliningrad hat eine
Geschichte und Kultur, die den Westen und besonders den Osten
des Westens erneut berühren inmitten eines Prozesses
komplexer Wandlungen. Zudem waren die Spannungen im Analogen,
die Ähnlichkeiten im Heterogenen immer ein wichtiger
Kunst-Impuls.
Hinzu kommt ein neues Moment:
Regionalität und Interregionalität erhalten eine noch nicht
genau absehbare Qualität als Korrespondenz und Widerspruch
zum Prozess der Globalisierung und zur Erweiterung der
Europäischen Union. Diese Neuordnung der Welt verändert
historisch gewachsene Landschaften, und sie lässt
Landschaften neu nach ihrer Geschichte suchen.
Für
„GESCHICHTE in LANDSCHAFTEN“ lieferten Gedichte
russischer und deutscher AutorInnen, die zwischen 1958 und
1973 geboren wurden, den Ausganspunkt und Anregungen. Alina
Vituchnowskaja und Nikolaj Kononow, Kathrin Schmidt und Marcel
Beyer sind nicht nur wichtige lyrische Stimmen in ihren
Ländern, sondern sie veranschaulichen jeweils eine weibliche
und eine männliche Perspektive, zudem wuchsen K. Schmidt und
M. Beyer in den verfeindeten
deutschen Staaten auf. – In erster Linie sind die vier
SchriftstellerInnen indessen künstlerische Subjekte, die den
ästhetischen Dialog mit ihren russischen und deutschen
KollegInnen initiieren wollten.
Genau 100 KünstlerInnen bewarben sich mit
Arbeiten aus allen Genres der Bildenden Kunst und der Musik.
Der Jury aus KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen ging es
nicht um Text-Illustrationen, sondern um eigen-sinnige
Positionen, die den individuellen Ausdruck historischer
Erfahrungen in der Spannung zwischen Text und Bild bzw. Musik
in einer möglichst originären Kunstsprache vermitteln
konnten. Die lyrischen Vorlagen sollten hierbei wahrnehmbar
bleiben, jedoch durch unerwartete Akzente oder neue Fragen
erweitert werden.
Diese Dialoge mögen nun durch die
Betrachtenden und Zuhörenden in beiden Ländern
zum Gespräch erweitert, die „Palimpseste im Kopf“
durch weitere Überschreibungen bereichert werden.
Denn die heute Lebenden gehören bereits
zur Geschichte dieser Landschaften. Und nicht erst als
Gestorbene – wie Heiner Müller meinte – sind sie Teil des
Landschaftsleibs.
Pastow im Juli 2004
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